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Gemeinsam Zeit verbringen

Lea Müller: "Nach dem Sport geht's der Seele besser"

„Was genau ist eigentlich ein Waveboard?“ Obwohl Lea Müller gehörlos ist, muss ihr die Frage nicht zwei Mal gestellt werden. Im Gegenteil: Die Elfjährige stürmt strümpfig in den Garten und düst Sekunden später auf dem Skateboard-ähnlichen Gefährt durchs Wohnzimmer. Was für die meisten Eltern wohl ein großes Ärgernis wäre, nimmt Sara Müller gelassen. Als Mutter von fünf Kindern ist sie gut beraten, sich nicht wegen solcher Kleinigkeiten aufzuregen.

Es würde auch gar keinen Sinn machen. Denn Lea ist ein Energiebündel, das vor Bewegungsdrang nur so strotzt und auch gerne mal die Couch zum Voltigierpferd umfunktioniert. „Ich hasse Tage, an denen ich keinen Sport machen kann“, sagt sie und kommt bei der Auflistung der Sportarten, die sie am liebsten ausübt, gar nicht hinterher: „Turnen und Voltigieren. Ach ja und Waveboard. Leichtathletik und Fußball auch … Ich habe alles ausprobiert!“ Kürzlich hat sie das erste Mal Hockey gespielt.

Lea ist das „Sandwich-Kind“ der Familie Müller, jünger als Kim und Jan, älter als Ria und Tom. Als einziges ist sie mit einer Hörschädigung auf die Welt gekommen. Mit Hilfe eines Cochlea-Implantats kann sie zwar hören, dafür muss es aber um sie herum sehr still sein. „Das ist nicht immer einfach, wenn sieben oder mehr Menschen am Tisch sitzen“, stöhnt ihre Mutter, die aus einer Sportlehrer-Familie stammt und selbst Sportpädagogin ist. „Und morgens, wenn der Wecker klingelt, ist das ganze Haus wach – nur Lea nicht.“ Deshalb vibriert jetzt auch ein Spezialwecker unterm Kopfkissen.

Es gibt also Einschränkungen im Alltag der Müllers, die jedoch längst Normalität geworden sind. So normal wie Leas Tagesablauf, der mit Aktivitäten aller Art gefüllt ist. In der 5. Klasse des Bensheimer Goethe-Gymnasiums kam sie ganz gut zurecht, den Sportunterricht meisterte sie problemlos, im Turnen zählte sie zu den Besten. Kein Wunder: Schon als sie zwei war und in der Babyschale zum Kinderturnen der älteren Geschwister getragen wurde, schlug sie fröhlich Purzelbäume. Mit drei scheiterte der Felgaufschwung am Reck nur an der Windel, mit der sie an der Stange hängen blieb. Zwei Mal die Woche geht Lea mit ihrer Schwester heute noch zum Turnen und weiß: „Das festigt die Muskulatur und verbessert die Körperbeherrschung.“ Die ist zum Beispiel beim Voltigieren gefragt, einer Sportart, bei der turnerische und akrobatische Übungen auf dem Pferd ausgeführt werden und die Lea vier Jahre lang betrieben hat. Aus dieser Zeit stammen viele Pokale, Medaillen und Preise.

„Lea hat im Kindergarten viel mit Jungs zusammen gespielt, sich dabei gern bewiesen und Kräfte gemessen. So hat sie schon früh einen gesunden Ehrgeiz entwickelt“, erklärt Sara Müller. „Sich im Sport zu behaupten und zu beweisen ist für sie ein emotionaler Ausgleich.“ Und den benötigt sie auch, denn um im normalen Leben genauso gut zu sein wie die anderen, muss Lea aufgrund ihrer Hörminderung ein Zehnfaches an Konzentration aufbringen. Im Sport ist das anders. „Nach dem Sport geht’s der Seele besser“, versucht Lea zu beschreiben, warum ihr Bewegungsdrang so ausgeprägt ist. „Außerdem werden so Freundschaften gefördert und es ist schön, sich fit zu fühlen.“ Sport als Integrationsfaktor, sei es beim Klettern in der Bensheimer Kletterhalle, beim Streetball Spielen bei Freundin Carolin, die einen eigenen Korb hat, oder beim Waveboarden und Inlinern mit Freundin Chiara. Die Straße hoch und runter – im wahrsten Sinne des Wortes, denn in Leas Wohnort Lautertal ist es hügelig. Probleme gibt es höchstens beim Schwimmen. „Da kann ich die Anweisungen der Trainerin nicht verstehen, weil ich ja das Hörgerät im Wasser nicht tragen kann.“ Bei allen anderen Sportarten sorgt ein spezielles Sportlergummi dafür, dass das Hörgerät an seinem Platz bleibt.

„Sie ist pfiffig, intelligent und will alles wissen“, freut sich Sara Müller über den Tatendurst ihrer Tochter. Neulich hat Lea ein Referat über das Thema Ohr gehalten und eine Eins bekommen. Gehörlos zu sein, hat auch Vorteile. „Ich kann Gebärdensprache“, sagt Lea stolz. Das ist ihre eigentliche Muttersprache, mit ihrer Tante unterhält sie sich ausschließlich so. Mit ihrer Freundin hat sie sogar eine Geheimsprache entwickelt, die niemand versteht. „Das ist cool.“ Zudem sieht Lea Bälle schon aus dem Augenwinkel heranfliegen, denn sie verfügt über ein weiteres Sichtfeld und eine schnellere visuelle Verarbeitung.

In der Zeitung hat Lea über den Auftakt der Aktion alla hopp! gelesen und freut sich, dass bald neue Bewegungsangebote in der Region entstehen. "Da möchte ich unbedingt bald mit Familie und Freunden hin und das selber ausprobieren!", lautete ihr begeisterter Kommentar. „Am besten gefällt mir der Bewegungsplatz für jugendliche Sportler. Dort kann ich bestimmt meine Inliner- und Waveboard-Künste verfeinern!“ Mama Sara versichert: „Sobald die erste alla hopp!-Anlage fertig ist, werden wir einen Familienausflug dorthin unternehmen“.

Wenn Lea nicht gerade Sport treibt, liest sie für ihr Leben gern. Dann wird das Hörgerät abgenommen – „Das juckt sowieso nur“ – und schon kann sie in aller Seelenruhe in die Buchstabenwelt abtauchen. Für den Sommer hat Lea einen neuen Traum: Sie möchte Wellensurfen lernen – und schon bald mit dem Windsurfen beginnen. Mit zunehmendem Alter, wenn die Zeit knapper wird, wird Lea ihre Bandbreite an Aktivitäten allerdings etwas verringern müssen. Ganz vom Sport lassen wird sie nie. Sie hasst Tage, an denen sie keinen Sport machen kann.