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Gemeinsam Zeit verbringen

Jens Rößler: „Bewegung heißt leben.“

Das erste, woran man sich gewöhnen muss", , sagt Jens Rößler, ist dass es einem egal ist, wenn die Leute komisch gucken." Der junge Mann sitzt entspannt auf dem Neuenheimer Marktplatz, auf dem Tisch ein Espresso und eine Schweppes, und genießt wie die anderen Café-Besucher das frühsommerliche Wetter.

Im Moment guckt niemand komisch. Denn Jens Rößler übt gerade nicht seine Lieblingssportart Parkour aus. Er nimmt aber seine Umgebung anders wahr als die anderen. Wahrscheinlich denkt er gerade darüber nach, wie er später das Türmchen der alten Johanneskirche kletternd hinter sich lassen oder ein anderes Hindernis mit einem Salto überwinden könnte. Sechs Jahre habe er im Freien  trainiert, bis er angefangen hat, den freien Überschlag zu üben.

Parkour nennt sich eine Sportart, die Ende der 80er in der urbanen Beton- und Stahl-Landschaft eines Pariser Vororts als „Kunst der effizienten Fortbewegung“ entstanden ist und deren Ursprung in militärischen Trainingsmethoden in freier Natur liegt. Eine erste Welle schwappte über England 2006 nach Deutschland, wo mittlerweile immer mehr Menschen komisch gucken, weil jemand im wahrsten Wortsinn seinen eigenen Weg geht. Einmal drohte ein Passant sogar mit der Polizei, weil er Jens Rößler Fortbewegungsmethoden für verdächtig und ihn für einen Einbrecher hielt.

Mit 19 Jahren wurde er durch einen TV-Bericht zum „Traceur“, zum „Linienzieher“ oder „Wegfinder“ – wie diejenigen, die Parkour betreiben, im Fachjargon genannt werden – und hat in Heidelberg mit einer Gleichgesinnten die Gruppe „Flying Monkeys“ ins Leben gerufen. Die „fliegenden Affen“ treten gelegentlich bei Shows auf und fahren einmal im Jahr nach Fontainebleau, Frankreich, um in einem großen Waldgebiet südlich von Paris zu „bouldern“, also ohne Seil und Gurt an Felswänden zu klettern.

Trainiert wird sowohl allein als auch in der Gruppe, beliebte Anlaufpunkte („Spots“) sind öffentliche Plätze, beispielsweise im Heidelberger Stadtteil Boxberg/Emmertsgrund oder auch in der Mannheimer Innenstadt. „Selbstverständlich respektieren wir Privatgrundstücke" , sagt Jens Rößler, der mit Drei-Tage-Bart und Zopf wie eine Mischung aus Skater und Surfer aussieht. Bewusst, denn wie Skaten und Surfen ist Parkour eine urbane Subkultur, deren Mitglieder sich zum Beispiel durch einen bestimmten Kleidungsstil – in diesem Fall weite Jogginghosen und Shirts – auszeichnen. „Der Reiz beim Parkour liegt für mich darin, Hindernisse als Herausforderung zu sehen. Das ist mit dem richtigen Leben vergleichbar", schreibt Jens Rößler seiner Passion einen mentalen Hintergrund zu und zieht Vergleiche mit asiatischen Kampfsportarten. Aufgrund der erhöhten Verletzungsgefahr durch falsche Selbsteinschätzung werden allerdings keine Wettbewerbe durchgeführt

„Es geht immer darum, sich sicher zu fühlen und das eigene Level nicht zu überschreiten, seine Grenzen auszuloten. Wir verstehen Parkour als soziales Event." Die Szene ist stark vernetzt, lädt Bilder und Videos in sozialen Netzwerken hoch.

Für die Traceure in und um Heidelberg trifft es sich gut, dass im Harbigweg im Stadtteil Kirchheim demnächst eine alla hopp!-Anlage entsteht. Auf dem Bewegungsparcours können sich die Parkour-Freunde richtig austoben. „Das ist eine tolle Idee“, freut sich Jens Rößler. „Ich bin Fan von Bewegung jeder Art, denn ich bin der Überzeugung, dass Sport bzw. Bewegung eine Bereicherung fürs Leben ist.“ Mit Sicherheit werde auch die eine oder andere Trainingseinheit der „Flying Monkeys“ dann am Harbigweg stattfinden. „Auf den alla hopp!-Anlagen finden sich viele Elemente wieder, die für Parkour wichtig sind.“ Kraftübungen zum Überwinden von Mauern oder Sprungübungen zum Trainieren weiter und vor allem präziser Sprünge, die in der Parkour-Sprache „Sau de chat“ (Katzensprung) oder „Saut de bras“ (Armsprung) genannt werden.


Bei der Eröffnung der Pilotanlage in Schwetzingen werden die „Flying Monkeys“ den Gästen unkonventionelle Fortbewegungsmethoden präsentieren, indem sie etwa im Mikado-Wald zwischen zwei Stäben hochklettern oder den Erwachsenen zeigen, wie ein Kinderspielplatz auch genutzt werden kann. Nachahmer Vorsicht: Generell ist hierzu jahrelanges Training und Übung erforderlich.

Nach dem Abschluss seines Studiums der Physik nahm sich Jens Rößler eine kleine Auszeit, um sich voll und ganz seinem Hobby zu widmen. Heute ist er Doktorand der theoretischen Systembiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum und legt den Grundstein für seinen späteren Broterwerb. Denn alleine von den Einnahmen aus Shows, Trainerkursen und Workshops lässt sich der Lebensunterhalt nicht bestreiten. Begraben hat Jens Rößler seinen Traum aber noch nicht.

Trotz beruflicher Belastung trainiert er aktuell fünf Mal pro Woche. „Parkour ist meine Leidenschaft. Ich werde diesen Sport solange ausüben, wie mein Körper es zulässt“, sagt der Bewegungskünstler. Wer also in naher Zukunft auf alla hopp!-Anlagen in der Metropolregion Menschen trifft, die eine Kinderrutsche unkonventionell zweckentfremden und über sie hinwegklettern, anstatt sie normal hinunterzurutschen, sollte nicht unbedingt komisch gucken. Und schon gar nicht die Polizei rufen.